DAS GESICHT VON RUNGHOLT: AUSSTELLUNG IM NISSENHAUS, HUSUM

RÄTSELHAFT UND WIDERSPRÜCHLICH

Der Rungholt-Mythos

bekommt ein Gesicht

Husum

Im Husumer Nordsee-Museum [Nissenhaus] ist gestern die Ausstellung „Rungholt – rätselhaft und widersprüchlich“ eröffnet worden (wir berichteten). 


„Der Untergang der Stadt Rungholt – des Atlantis der Nordsee –, der in den legendären Zeilen des Dichters Detlev von Liliencron beschrieben wird, beschäftigt, ja fasziniert bis heute die Menschen vor Ort genauso wie viele Wissenschaftler“, erklärte Kulturministerin Anke Spoorendonk in ihrem Grußwort. 

Der Name Rungholt habe Literaten wie Theodor Storm gefesselt und die Fantasie zeitgenössischer Musiker wie Achim Reichel oder der Flensburger Rockband Santiano angeregt.

„Die Ausstellung zeigt, dass die Spurensuche in unserer Geschichte eine spannende Forschungsdisziplin ist, in der man auch mit Hilfe von Molekularbiologie und Rechtsmedizin neue Erkenntnisse gewinnt. 

Der Mythos, die Sage, bekommt damit ein Gesicht. 


Ein Gesicht, das uns daran erinnert, dass es sich um menschliche Schicksale handelt, die über Jahrhunderte hinweg gänzlich unvermittelt wieder Gegenwärtigkeit beanspruchen und als solche auch betrachtet werden müssen“, so Spoorendonk. 

Die Ausstellung habe auch die Forschung zur Geschichte des Landes Schleswig-Holstein ein gutes Stück vorangebracht.

hn

 Die versunkene Stadt Rungholt regt bis heute die Phantasie der Menschen an. 


Sie war Inspirationsquelle wichtiger Literaten und Spekulationsobjekt von Forschern und Laien. 


Dennoch wissen Experten relativ wenig über die, für den Norden, wichtige Handelsstadt. 


Mehr fundierte Erkenntnisse zu erlangen wird durch Meereserosionen und die unsachgemäße Bergung von Fundstücken erschwert. 

Dies sorgt dafür, dass jeden Tag wichtige Kulturspuren und die letzten Zeugen menschlicher Katastrophe verschwinden. 


Die Realität, den Mythos und die neuesten Forschungsergebnisse dieser mittelalterlichen Handelsstadt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist Ziel dieser Ausstellung. 


Rungholt

Rungholt was a wealthy city in Nordfriesland, in the Danish duchy of Schleswig. It sank beneath the waves when a storm tide (the second „Grote Mandrenke“) in the North Sea tore through the area on January 16, 1362.


Rungholt was situated on the island of Strand, which was rent asunder by another storm tide in 1634, and of which the islets of Pellworm, Nordstrand and Nordstrandischmoor are the only remaining fragments.



Relics of the city were being found in the Wadden Seauntil the late 20th century, but shifting sediments have carried the last of these into the sea. In the 1920s and 1930s, some remains of the city were exposed; they suggested a fairly large population for that region and time, and it is likely that Rungholt was a major port.


Impressed by the fate of the city, the relics, and not least legend’s excessive descriptions, 


the German poet Detlev von Liliencron wrote a popular poem called „Trutz, Blanke Hans“ about this lost city which starts with the words: 

„Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren“. („Today I traveled over Rungholt; the city sank 600 years ago.“)



Local myth has it that one can still hear the church bells of Rungholt ringing under the water when sailing through the area on a calm night.


Andreas Busch birgt Balken der sogenannten „Rungholtschleuse“

Wir sind über Rungholt gefahren

Erstellt am 1. Februar 1994

Hans-Jürgen Hansen

http://www.westkuestenet.de/nordstr5.php

Losgetreten wurde der Streit um Rungholt durch einen Spiegel-Artikel vom 21. Nov. 1994. 

Danach setzten auch andere Publikationsorgane wie „Die Zeit“ und „taz-Hamburg“ nach und hielten dieses Thema noch bis ins neue Jahr hinein fast zwei Monate am Kochen. 


Auch die heimische Lokalpresse, die „Husumer Nachrichten“ und insbesondere die „Flensborg Avis“ nahmen sich dankbar des Streites um das friesische „Atlantis“ an. 


Was hat der Rungholt-Ausgräber und -Forscher denn nun eigentlich entdeckt, daß es ein solches Rauschen im bundesdeutschen Blätterwald veranlaßte?



Es sind denn auch weniger die Scherben und Holz-, Mauer-, Stein- und Brunnenreste, die die Gemüter an diesem Streit beteiligten Wissenschaftler und Museumsfachleute eregten. 
Es ist mehr die Lage des Ortes „Rungholt“, die angeblich nicht südlich, sondern nördlich der Hallig Südfall zu suchen sei. Eine C-14-Analyse am im Nissenhaus ausgestellten Schleusentor oder Thermoluminezenz-Analysen an Keramik-Resten könnten es beweisen. 

Doch, oh Wunder, einige Ergebnisse der duchgeführten Untersuchungen sind bei beiden Parteien nicht mehr aufzufinden oder nicht mehr zugänglich.

Der Leiter des Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte, Prof. Joachim Reichstein spricht von Raubgrabung und überzieht dem Ethnologen und Prof. Hans Peter Duerr aus Bremen mit einem Rechtsverfahren. Dieser wiederum wirft dem Schleswiger Archäologen vor, daß wichtige Erkenntnisse zurückgehalten würden. 
Bei allem Streit geraten viele Positionen durcheinander und verwischen sich derartig, daß sich fast keiner mehr auskennt. 

Der Spiegel sieht im zweiten Artikel (19. Dez. 1994) die Nordseeküste bereits als „Bermuda-Dreieck“ an und zitiert einen nicht genannten Kenner: 

Die ganze Rungholt-Forschung ist in einem Sumpf von subjektiven Ansichten und persönlichen Eitelkeiten gefangen.“ 
So soll dieser Beitrag soll wenigstens etwas Licht auf diesen absurden Streit werfen und aufzeigen, daß mehr Gelassenheit der Sache Rungholt dienlicher gewesen wäre.
Duerr hält Rungholt, welches er im übrigen nie mit Atlantis verglichen haben will, höchstens für ein „Bauern-Städtchen“ mit „maximal zweitausend Einwohnern“ oder „eine größere Siedlung mit ein paar tausend Einwohnern“. 

Diese Angaben decken sich mit denen denen des Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte, wonach es sich laut Reichstein bei der Besiedelung um Südfall herum um „einzelne Warfgruppen“ gehandelt haben müsse, deren „Bewohner“ am „Fernhandel teilgehabt“ hätten. Rungholt könne aber nicht 4000 Einwohner gehabt haben (wie im ersten Spiegel-Artikel behauptet worden ist). 

Das damalige Leben habe sich auf Warfgruppen abgespielt, die kaum Platz für eine so große Stadt geboten haben könne.


Das Gebiet, wo Duerr sein Rungholt vermutet, heißt im Volksmund bis heute tatsächlich Rungholt oder vielmehr Rungholt-Sand. Auf einer alten Landkarte steht dort „silva rungholtina„. 

Der Name drückt aus, daß an der Stelle damals ein Waldgebiet minderer Qualität (rung = wrong (engl.) = gering; holt = Wald), also ein Niederwald oder Krattgebiet vorhanden war. Später gab es dort ein Dünengebiet wie bei St. Peter-Ording, danach eine Sandfläche. 

Neben diesem Wald lag das sogenannte „Fedderingman-Gebiet“, ein Warfen-Gelände mit neun verstreut liegende Brunnenringen. Hier war ein Herrensitz mit einer eigenen Kapelle ansässig. Hier wohnte eine Geschlechtersippe, die sich „Fedderingmannen“ nannten. 

Der Zusatz „vel Rip“ (oder Rip) hinter dem Ortsnamen „Fedderingman Capell“ könnte bedeuten, daß der Ort auch „Fedderingmanrip“ genannt wurde. Wird wieder die englische Bezeichnung genommen, bedeutet Rip „Uferrand“. 

Es könnte also sein, daß die Ansiedlung ursprünglich am Uferrand eines Priels lag, die aber später zur Zeit der Sturmflut 1362 verlandet war. Die Warfen wurden errichtet, als das umliegende Land noch seinen alten Halligcharakter besaß. Erst nach Schutz durch Deiche entstanden die Wege, Gräben, Dammstellen und Sielzugbrücken.



Das sagenumwobende Rungholt wird vor der Sturmflut von 1362 überhaupt nur ein einziges Mal urkundlich erwähnt als Adresse auf der Rückseite eines Testaments aus dem Jahre 1345. 

Albert Panten, der dieses Dokument vor einigen Jahren im Hamburger Staatsarchiv in einem Urkundenbuch entdeckt hatte, entziffert es als: „Edemisherde parrochia Rungheholte judices consiliarij iurati Thedo bonisß cum heredibus“ und übersetzt mit: 

„Edomsharde Kirchspiel Rungholt Richter, Ratsleute, Geschworene Thedo Bonisson samt Erben“. Erst im 17. Jahrhundert sind die zahlreichen Karten, Chroniken und Sagen über Rungholt und Umgebung entstanden. Auch wurde in diesen schon von ähnlichen Ereignissen berichtet, die auch Dürrs Entdeckerdurst angeregt haben könnten. So berichtete Peter Sax im Jahre 1637 von Warfen im Watt zwischen Nordstrand und Eiderstedt, die gezeigt werden könnten, „da Häuser gestanden… Wege, Äckern …, Gruften und Graben. Man kann finden Kessel, Grapen, Kröge, Schüssell…“.

Die Phantasie beflügelte im 19. Jahrhundert auch den Dichter Detlev von Liliencron, der einige Zeit auf der Insel Pellworm ansässig gewesen war, mit seiner Ballade „Trutz Blanke Hans“. 
Nach dieser Darstellung war Rungholt eine „mittelalterliche Stadt mit großen Kornspeichern am Hafen, mit einem kunstvoll gebauten Stadttor und mit einem gepflasterten Marktplatz sowie einer wuchtigen, aus Backsteinen erbauten Domkirche“. Nach der Sage ist Rungholt an einem Tage untergegangen und mit ihm 4000 Menschen ertrunken. Nach der Legende soll der Alkolhol schuld gewesen sein. 

„Gottlose Trunkenbolde wollten einem Priester eine Sau als angeblichen Todkranken unterschieben, der er das Abendmahl reichen sollte. Der Trug flog auf, der Priester floh, doch die Bösewichte entwendeten ihm die Büchse mit den heiligen Sakramenten und soffen daraus munter weiter.“ Die Folgen blieben nicht aus. Der Gottesmann betete um die Bestrafung der Frevler und die folgte denn auch prompt mit der „Großen Mandränke“ im Jahre 1362.



Nach Angaben des Spiegel soll der legendäre Ort Rungholt die „größte Hafenstadt an der sumpfig-mäandernden nordfriesischen Küste“ gewesen sein. „Vergleichbar einem tropischen Mangrovensumpf“ ragte die „flußreiche Küstenzone weit in die Nordsee“ hinein. „Entwässerungskanäle durchzogen das flache Grasland. Über Bohlenwege und kleine Holzbrücken bahnten sich die Friesen trockenen Fußes den Weg.“
Dieses Bild ist nur teilweise richtig. 

Vor 1200 hatten die Einwohner flach gesiedelt. Die gesamte Küste war durch einen Sandwall geschützt. Die drei Außensände sowie die Sandbänke vor Amrum und Sylt zeugen heute noch von der einstigen Nehrung. Das Binnenland war bis zum Geestrand und auf einige Geestinseln und Uferstreifen überhaupt nicht oder schwach besiedelt. 

Erst ab etwa 1000 setzte eine größere Kolonisation der Friesen ein. Das Gebiet bestand ansonsten aus umfangreichen Moorflächen, unter denen eine alte fruchtbare Kleischicht lag, die den späteren siedelnden Bewohnern aus zwei Gründen zum Verhängnis wurde:
Zum einen wurde, wie im Spiegel richtig angegeben, der vom Meer überspülte Torf getrocknet und verbrannt; aus der Asche ließ sich das kostbare Salz heraussieden.

 In den nicht überschwemmten Gebieten wurde die Torfschicht zu Feuerungszwecken weggenommen und die darunterliegende alte Marsch als fruchtbaren Ackerboden gewonnen. Dadurch geriet das Land unter dem Meeresspiegel und Eindeichungen bewirkten nun, daß „Entwässerungskanäle“, also Sielzüge mit ihren Schleusentoren das „flache Grasland“ durchzogen und über die natürlich auch Holzbrücken gelegt werden mußten.
Diese Maßnahmen waren erforderlich, weil vermutlich um etwa 1180 eine der zahlreichen Stürme den Strandwall an mehreren Stellen durchstoßen hatte und damit auch die Hever, die damals wohl noch ein Fluß war und von Nord nach Süd in die Eider floß, als Wasserstraße (an der auch Ansiedlung Rungholt lag) beeinflußte. 
Der Flußlauf verlandete wohl schnell und die Einwohner mußten sich an anderer Stelle weiter südlich einen Zugang zum nun von Ost nach West verlaufenden Heverstrom verschaffen. Die Bewohner konnten jetzt auch nicht mehr flach siedeln, sondern sie mußten Warfen aufschütten und wegen des Salzwassers (vorher war es ja Süßwasser) Brunnen graben oder sie mit Soden aufsetzen. 
Bald darauf wurden auch Deiche gebaut, weil das Land besonders nach Abbau des Torfes in der Regel niedriger als der Meerwasserspiegel lag und vor allem weil Ackerflächen Meeresüberschwemmungen nicht vertrugen. 

Daß Menschen geschützt werden sollten, war nie Absicht beim Bau der ersten Deiche gewesen. Dazu waren ja die aufzuschichtenden Warfen da.

Auf alten Karten (die zwei aufgefundenen Karten des Husumer Johannes Mejer gehen auf die Clades Rungholtina von Peter Sax aus Koldenbüttel zurück) ist Hallig Südfall nicht eingezeichnet. 



Auf den Karten von Mejer ist Rungholt gleich zweimal eingezeichnet, als Ort und als Wald (in den Ausrissen im Spiegel merkwürdigerweise die obere Bezeichnung durch den Hinweis auf den unteren Kirchort Rungholt überdeckt und in der „Zeit“ vom 13. Jan. 1995 ist im Ausriß der Wald Rungholt eingezeichnet, der untere Ort aber abgeschnitten worden).
 In der älteren Vorlage von Sax, die erst nach der großen Sturmflut von 1634 erstellt wurde und die Gegebenheiten dieser Zeit berücksichtigte, stimmt mit den bisherigen Grabungsergebnissen sogar weitgehend Überein. 

Die damalige Schleuse war zwar noch kein Raub des Meeres gewesen, aber sie verlor durch die vorherige Sturmflut weitgehend ihre Funktion, weil das Gebiet später nicht wieder bedeicht wurde.
Deswegen ist auch durch die Altersbestimmung nach der C-14-Methode eigentlich nicht unbedingt zu befürchten, daß sich Duerrs These, die Schleuse sei nach 1362 erbaut, sich bestätigen sollte. Darum ist eigentlich nicht zu verstehen, weshalb Ergebnisse einer solchen Überprüfung zurückgehalten werden sollten. 
Tatsächlich tut sich ein Widerspruch auf, wenn auf der einen Seite Lengsfeld bestätigt, daß mehrere Alterbestimmungen von den Schleusenbalken gemacht worden sind (die Ergebnisse mögen ja tatsächlich verschludert worden sein) oder, wie Reichstein auf einer Pressekonferenz im Januar behauptet, (vielleicht auch zu Recht) vom Landesamt bisher solche Altersbestimmungstest nicht vorgenommen wurden. 
Ob der damalige Museumsleiter Wohlenberg die wissenschaftlichen Ergebnisse verschwieg, „aus Angst, eines seiner attraktivsten Ausstellungsstücke zu verlieren“, mag dahingestellt sein lassen.

 Ich denke, daß für die Faszination des Museum-Besuchers es reichlich egal sein dürfte, ob der Schleusenbalken aus der Zeit vor 1362 oder vor 1634 stammt. Bedeutend dürfte die Jahreszahl eigentlich nur für die damit befaßten Fachleute sein, weil mit ihr auch bestimmte Erkenntnisse und Konsequenzen für die Lebensweise der damaligen Bewohner gewinnen ließen.
Was fand der Bremer Ethnologe Duerr nun eigentlich auf der „Wallfahrt im Watt“ im Sommer 1994, auf der er sich selbst vom „Gemauschel“ der Museums-Leitung zu überzeugen wollte. In einem Priel fand er Pferdeschädel „in großer Zahl“ und Keramikscherben. Aus dem nassen Grund ragten „Pfosten und aufrecht stehende Flechtwände“. Duerr: „Wir waren auf ein mittelalterliches Langhaus gestoßen, auf der Feuerstelle lagen noch Fischgräten.“ 
Etwas abseits, „in 2000 Schritten Entfernung hob sich ein Fundament aus behauenen Findlingen aus dem Schlamm – typisch für mittelalterliche Kirchen.“ In einem späteren Spiegel-Artikel wurden daraus die Ruinen eines „riesigen Steinhauses“ mit „Findlingsfundament und Ziegelsteinstümpfen“. Wenn Duerr die Phantasie nicht durchgegangen sein dürfte (hoffentlich hatte er ein Photoapparat dabei), dürfte es sich hiernach wohl um die „Fedderingman Capell“ handeln.
Rheinische Krüge (wie konnte Duerr eigentlich innerhalb eines Tages es beurteilen, daß es sich um solche handelte?), Reste von Holzfässern (die auch schon früher an dieser Stelle gefunden worden waren) und Kuhschädel nahm Duerr (als Notbergung) mit, um sie einige Tage später beim zuständigen Landesamt im Schleswig abzugeben. Dafür wurde „der glückliche Finder“ hart gestraft mit einer Anzeige wegen Raubgrabens unter Androhung eines Bußgelds bis zu 50.000 Mark.
Duerr vermutete, daß die „Fischköppe“ – (seine Gegner konterten ebenfalls unter die Gürtellinie, er sei ein langhaariger, gebürtiger Kurpfälzer und „Hexenforscher“) – von ihren eigenen Versäumnissen ablenken wollten und daher mit Watt-Zutrittsverbot reagierten und ihm einen Sammelausweis verweigerten. 
Die neuen „Rungholt-Artefakte“ seien zu gewichtig, daß ihnen nicht weiter nachgegangen werden dürften. Noch nie sei ein komplettes mittelalterliches Haus im Watt aufgespürt worden. Eine ganze mittelalterliche Stadt, „bestehend aus bis zu 50 Meter messenden friesischen Langhäusern“ liege womöglich unter dem Schlick. Reichstein hält dem jedoch entgegen: 

„Wo ein Laie die Reste von Häusern, Kirchen und Feuerstellen zu sehen glaubt, kann der Fachmann dank langjähriger Kenntnis derartiger Siedelreste durchaus zu einem anderen Ergebnis kommen.“
Die Flachbodensiedlung Rungholt müsse durch die Schlammlawine der Sturmflut von 1362 nahezu luftdicht abgeschlossen sein, behauptet Dürr weiter. So seien seine Studenten auf ein Holzfaß gestoßen, „daß noch unverrückt auf einem Podest stand – gleichsam im Matsch erstarrt und gut konserviert“ war. 
Aber auch Andreas Busch berichtete von einem Holzfaß, als er im Jahre 1963 als über 80jähriger zusammen mit Wohlenberg und dem Pächter der Hallig Südfall seine letzte Rungholt-Expedition unternahm.

 Der Bauer und Pächter Brauer fand an einer Wattrinne, die zwanzig Jahre zuvor entstanden war, auf festem, altem Kleiboden ein Stück Leder, das Nahtlöcher aufwies. Im Boden steckten mehrfach Tierknochen. 
Beim Weitergehen in südwestlicher Richtung sah er drei Brunnen. Aus dem zweiten Brunnen ragten die Dauben eines Holzfasses heraus. „Beim Hineinstecken eines Stockes stieß er auf den Faßboden, den er mit einem kräftigen Ruck durchstoßen konnte. Das Holz war mürbe.“
Für die dem Spiegel erzählte „abenteuerliche Story“ des Bremer Forschers hat der wissenschaftliche Mitarbeiter und Experte des Landesamtes, Hans-Joachim Kühn nur ein „müdes Lächeln“ übrig. Seit Jahren schon führt er Ausgrabungen im Wattenmeer durcht. 
Die angeblichen „Neuentdeckungen“ Duerrs kenne man schon seit etwa zwanzig Jahren und diese seien zudem gut kartiert (Diese Aussage mag Duerr kaum glauben, denn Kühn habe ihm im vergangenen Dezember selbst noch geschrieben, daß das Gebiet nördlich von Südfall noch nicht näher untersucht worden sei. 
Vielleicht ist dieses Mißverständnis dadurch zu klären, daß wohl zwischen Bekanntwerden von Funden und genaueren wissenschaftlichen Untersuchungen Unterschiede bestehen). 
Es gäbe überall zahlreiche Plätze und vergleichbare Artefakte, es sei daher nicht verwunderlich, wie Kühn in den „Husumer Nachrichten“ vom 23. 11. 1994 äußert, daß die Pferde noch so dalägen, wie sie damals in den Stallungen ertrunken seien. 


„Draußen gibt es Hunderte alter Siedlungen, zum Teil älter als Rungholt“. 
Rungholt kann auch deswegen nicht an der von Duerr untersuchten Stelle gelegen haben, weil der Ort einen Zugang zum Meer gehabt haben muß. 

Die Funstellen müßten zudem Funde aufweisen, die auf weite Handelsverbindungen hindeuteten, so wird in der „Zeit“ vom 9. 12. 1994 geschlußfolgert. 

Südwestlich von Südfall seien tatsächlich rheinische Krüge entdeckt worden. An dieser Stelle verlief auch vor 1362 ein Priel, da das Wattenmeer sonst rundherum festes Land war und geradezu flächig besiedelt gewesen sei, ließe sich nur hier ein Handelshafen anlegen lassen. Das Kirchspiel Rungholt, mutmaßt Kühn vom Landesamt, könne nur dort gewesen sein.


Zur Erforschung der Siedlungshöhen, um weitere Hinweise auf Meerespiegel-Schwankungen zu bekommen, bedürfe es eigentlich flächenhafter Grabungen, so Kühn weiter. Dies sei aber unmöglich, da es nur „mit gewaltigem technischen Aufwand“ und ebenso gewaltigen Finanzmitteln zu bewerkstelligen sei. 

Was die Datierung der Schleusenreste angeht, seien sie für ihn bis heute nicht datiert (Duerr will die Aussage, daß der Kernstück der Rungholt-Forschung, der Schleusenbalken, aus der Zeit um 1700 stammt, von einem früheren Mitarbeiter Wohlenbergs erhalten haben wie es zweiten Spiegel-Artikel heißt. 
Auf die Frage von Lengsfeld, wer der Informand gewesen sein könne, weicht Duerr in einem Leserbrief am 4. 1. 1995 in der Flensborg Avis wieder aus und bemerkt nur: 

„Dem Manne kann geholfen werden“). 

„Wer solle denn ein Interesse gehabt haben, in jüngerer Zeit da zwei Schleusen mitten ins Wasser zu setzen.“ Er werde immerhin in Kürze einen neuen Datierungsversuch durchführen lassen. 
Für Lengsfeld dagegen, dem derzeitigen [Stand 1994] Leiter des Nissenhaus-Museums, besteht kein Zweifel daran, daß der Schleusenbalken tatsächlich aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Der Schleusenbalken sei wie andere Fundstücke auch wiederholt zwischen 1977 und 1985 von verschiedenen Wissenschaftlern auf ihr Alter hin untersucht worden. 

Er selbst habe, obwohl es noch in der Amtszeit seines Vorgängers Wohlenbergs geschehen sei, die Untersuchungsberichte selbst in den Hände gehalten. Es hätte sich keine Passage gefunden, die ein jüngeres Alter ergeben hätte. Gerne hätte er gewußt, von wem Duerr sein Information erhalten habe. 
Lengsfeld versprach jedoch ebenso, daß der Balken noch einmal untersucht werden solle, wenn neue wissenschaftliche Methoden einer exaktere Bestimmung erlaubten und finanzielle Möglichkeiten dafür beständen. 

Die neue Expertise sollte dann vom Schleswiger Landesamt für Bodendenkmalpflege und Archäologie hergestellt werden.

Daß die von Duerr geborgenen Scherben nachweislich vor 1362 gebrannt wurden, wird ihm wohl kaum einer abstreiten, nur eben, daß es Scherben aus Rungholt gewesen sein können, denn es sagt ja auch niemand, daß Nordfriesland nicht vorher weitflächig besiedelt worden ist. 

Auch daß die Nachbarorte, das Kirchspiel Riep („Fedderingmanriep“!), das bis 1532 bestand und die Nachbarorte Niedamm („neuer Damm“) und Halgenes („Hallignase“?) nach der Jahrhundertflut wiederbesiedelt wurden, bestreitet niemand. 
In der Auflistung der Einnahmen des Domkapitel zu Schleswig 1437 ist das Kirchspiel Rungholt nur lapidar als „submersa“ (untergegangen) wie viele andere Kirchspiele von Nordstrand auch vermerkt. Demnach könnte tatsächlich theoretisch die (jetzt wohl unbrauchbare) Schleuse dem Ort Nydam und die „Kirchwarf“ von Rungholt dem „Dörfchen“ Halgenes zugeordnet worden sein.

Für Kühn ist die Sache klar. 

Er schildert, was ihn am Vorgehen Duerrs eigentlich stört: 

„Da holt einer ohne Konsultation der Fachwelt und ohne die üblichen archäologischen Sicherungs-Maßnahmen Fundstücke aus dem Watt. Die Landesarchäologen hätten in diesem Falle mit Kollegen anderer Forschungsbereiche zusammen Fundort-Sicherung und Fund-Entzifferung betrieben. 

So sei das herausgeholte Material ‚kaum verwertbar‘. So ist nicht einmal ein Laie vorgegangen wie damals 1921, Andreas Busch, der die Rungholt-Spuren entdeckte.“


Duerr hält dagegen, daß er das Landesamt für Vor- und Frühgeschichte bereits im vergangenen Jahr von der geplanten Suche nach Kulturspuren im Rungholt-Watt unterrichtet habe. 

Kühn habe ihm sogar Ratschläge mit auf den Weg gegeben, die zum Gelingen der Sache beitragen sollte. Umso erstaunter sei er gewesen, daß Kühn ihn erst eiskalt abblitzen ließ, als Duerr ihn schließlich einige Zeit nach der Expedition privat anrief, „um mit dem Kollegen“, wie er hoffte, „die Fundstücke zu interpretieren und fachzusimpeln“. 
Sechs Wochen später hätte er dann aufgrund seiner Fundmeldung im Juni ein Einschreiben vom Landesamt mit der Mitteilung erhalten, daß gegen ihn ein Ermittlungsverfahren bei der zuständigen Behörde des Kreises Nordfriesland eingeleitet sei, weil er eine „Ordnungswidrigkeit“ wegen „Grabens nach Kulturdenkmalen“ begangen habe. 

Dies hätte ihm unter Umständen eine Strafe bis zu 50 000 Mark eingebracht.
Für Kühn ist jedoch die Anzeige wegen der Raubgrabung berechtigt und er kritisiert den Kreis Nordfriesland, der sie wegen „Geringfügigkeit“ nicht weiter verfolgen wolle. 

Damit ermuntere der Kreis geradezu zu archäologische Raubgrabungen und sei eine deutliche Aufforderung, da weiterzugraben und noch mehr kaputtzumachen. 
Das gesamte Wattenmeer sei Grabungsschutzgebiet. 

Jede Suche nach Relikten der Vergangenheit müsse durch Schleswig genehmigt werden. 

Wer dagegen als Wattspaziergänger zufällig auf Hinterlassenschaften früherer menschlicher Besiedlung stoße, dürfe diese in der Regel behalten. 

Es bestehe in Schleswig-Holstein eine Melde-, jedoch keine Abgabepflicht. 

Im Bedarfsfalle würde der Fund auf Anforderung begutachtet werden, das Landesmuseum würde in manchen Fällen dem Finder sogar den Ankauf des Exponats anbieten.
Auch nicht auf sich sitzen lassen will Kühn den Vorwurf, daß das Landesamt die kostbaren Siedlungsreste im Watt sich selbst überlasse. 

Es würde regelmäßig im Watt gearbeitet, nicht nur beim plötzlichen Auftauchen von Siedlungsresten würde das Landesamt tätig, sondern die Archäologen gingen in Zusammenarbeit mit dem Husumer Amt für Land- und Wasserwirtschaft auch systematisch vor. 
Mit dem Hinweis auf das vor einigen Jahren durchgeführte Norderhever-Projekt wies der Schleswiger Wissenschaftler darauf hin, nur durch akribische Arbeit habe man feststellen können, daß vor rund 1000 Jahren das heutige Wattenmeer bis zu den heutigen Außensänden eine fast zusammenhängende und von Friesen bewohnte Siedlungsfläche gewesen sei.

APRIL 2016

http://www.rungholt-ausstellung-husum.de/aktuelle-forschung/

Auf Rungholt wurden Gefäße der sogenannten spanisch-maurischen Lüsterkeramik aufgefunden. Diese Lüsterkeramik zeichnet sich zum einem durch einen speziellen Brandverfahren, sowie einer Goldglasur aus.

 Die spanisch-islamische Lüsterkeramik war im Mittelmeerraum weit verbreitet. 

Archäologen konnten sie für Sardinien, Libanon, Italien, Israel, Türkei und Ägypten belegen. Die Krüge stammen vermutlich aus Malaga, wie die Werkstattmarke (mālaqī – aus Málaga) im Fuß des Eiderstedter Kruges zeigt. 
Nur der Husumer Krug deutet mit seiner abweichende Fußform auf eine andere Produktionsstätte. Infrage könnte die Region um Valencia kommen, die seinerzeit ebenfalls für die Herstellung von Lüsterkeramik bekannt war. Die Krüge sind


sicherlich über den Seeweg in den Norden gelangt. 

Der Landweg galt im Mittelalter als unsicher und beschwerlich. Auch die Lage der aufgefundenen Lüsterkeramiken in den Küstenstädten des Nord- Ostseegebietes spricht für diese These. Die Handelsschiffe segelten damals von Málaga und später von Valencia aus nach England und Flandern. 
An der flandrischen Küste liefen die Schiffe im 14. Jahrhundert vor allem den Brügger Vorhafen Sluis an. Brügge galt als Stapelplatz für Keramik aus Valencia. Zwischen Flandern und Friesland mit der Edomsharde, sowie den Hansestädten bestanden gute Handelsverbindungen. 

Davon zeugen Handelsverträge zwischen der Edomsharde , Hamburg und Brügge. 

Ob die Krüge als Teil einer Handelsladung oder als persönliches Geschenk eines wohlhabenden Kauffahrers, etwa an einen Geschäftsfreund, in das Rungholt-Gebiet gekommen sind, wissen wir nicht. 
Vielleicht wurden diese Gefäße in einem privaten Haushalt verwendet oder auch einen kirchlichen Gebrauch zugeführt. Die englischen Funde aus dem 14. Jahrhundert wurden ausschließlich in dem höfischen Bereich verbundenen Gebäuden gemacht. Für Friesland und dem Rungholt-Gebiet kommen sicher auch nur vermögende Besitzer infrage. 
Auch

Fundumstände des Eiderstedter Kruges mit vergesellschafteter Importkeramik deuten darauf hin. Welche Wertschätzung diesen Gefäßen entgegengebracht wurde zeigt eindrucksvoll die untere Hälfte eines Kruges aus Nordstrand. 

Die Oberkante des offensichtlich zerbrochenen Gefäßes wurde sorgfältig abgeschliffen, so dass es nun als Becher fungieren konnte. Heute ist der ursprüngliche Glanz dieser Gefäße kaum noch zu erahnen. Durch die Lagerung im Wattboden hat sich die Glasur schwärzlich verfärbt, die blaue Bemalung ist aschgrau geworden und die Lüsterbemalung ist nur noch bei bestimmtem Lichteinfall zu sehen. 


Die Rekonstruktion des Husumer Kruges 

zeigt deutlich den prächtigen Glanz – mit leuchtend weißer Glasur, bemalt in schönem Kobaltblau und goldglänzend schimmerndem Lüster, den diese Gefäße ausstrahlten.

 Heute bekamen wir die Bilder der Rekonstruktion des Husumer Kruges. Zunächst wurde der Krug aus der Ausstellung vermessen und skizziert. 


Im Laufe der Anfertigung der Skizze kamen immer mehr Details zum Vorschein, die vorher nicht offensichtlich waren. Danach konnte die Keramikerin Elke Strietzel die Krug formen, brennen und bemalen.

 

 

JANUAR 2016

Im Januar kam die Zusage der Friede-Springer Stiftung die wissenschafltichen Untersuchungen der Menschen von rungholt maßgeblich zu unterstützen. Dafür werden in den kommenden Wochen die menschlichen Überreste in ein DNA-Labor gegeben. aDNA-Analysen und Altersbestimmungen werden durchgeführt. Die Ergebnisse werden wir hier veröffentlichen. Mit Hilfe der Bürger möchte der Museumsverbund Nordfriesland zu dem mit der Gerichtsmedizinerin Constanze Niess und der Europa-Universität Flensburg den Schädel K4064 eine Gesichtsrekonstruktion angedeihen lassen. Es wird das erste mal seit vielen Jahrhunderten sein, dass wir einem Rungholter in die Augen blicken können.
OKTOBER 2015


Im Oktober wurden Proben von der sogenannten Rungholtschleuse genommen und an zwei unabhängige Labore gegeben. Dabei wurden jeweils zwei Proben zur Untersuchung übergeben. 

Das Gutachten des Berliner Labors ist eindeutig. Die erste Probe konnte der geringen Anzahl von Jahresringen nicht identifiziert werden. Die zweite Probe hingegen konnte klar einer Zeit zugeordnet werden. 

Die Probe der Schleuse stammt aus dem 14. Jhr. Die Eiche, die für den Bau der Schleuse genutzt wurde fing an 1269 zu wachsen das Wachstumsende war 1331. Da eine Grenze zwischen Kern- und Splintholz nicht erkennen ist, wurden für das Fälldatum 20 Jahre aufgeschlagen. 

Das entspricht also einer Nutzungszeit von max. 1351-1362. Die Untersuchung des Labors beruht auf Regionalchronologien für die entsprechende Holzart.


JULI 2015

Im Juli diesen Jahres wurde ein anthropologisches Kurzgutachten in Auftrag gegeben. 

Der zu untersuchende Schädel wurde dafür in das Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU Kiel gebracht. Der Schädel (K4064), der aus der Sammlung des Nissenhaus stammt, konnte so einwandfrei zugeordnet werden. 

Das Gutachten ergab, dass es sich bei den menschlichen Überresten um einen Mann mittleren Alters handelte. 


Für die Altersbestimmung wurden dabei Entwicklungsstand und Abnutzungszustand des Gebisses, sowie der Verwachsungsgrad der cranialen und maxillaren Suturen herangezogen. Dabei handel es sich um die Schädelnähte und die Verwachsungen des Oberkiefers. Sein Alter wurde auf 30-40 Jahre geschätzt. Auffällig an dem Schädel sind starke Muskelansätze und sowie eine kräftige Kinnpartie. Die Zähne zeigen auf den Zahnkronen sogenannte transversal verlaufenden Rillen. Diese Rillen entstehen während der Zahnentwicklung und können stressbedingt sein. Dieser Stress kann sowohl auf Krankheit als auch auf die Ernährung zurückgeführt werden. Diese Rillen tauchen in unterschiedlicher Ausprägung an den Zähnen auf und sind während der Kindheit des Rungholters entstanden.    
2012

Bereits 2012 wurde von der Uni Mainz ein DFG Projekt mit dem Schwerpunkt 1630 initiiert. Ziel war es mittelalterliche Häfen von der Römischen Kaiserzeit bis zum Mittelalter zu untersuchen. Prof. Dr. Jürgen Newig war mit beteiligt an diesem Projekt und dankenswerter Weise wurde Rungholt als mittelalterliche Hafen in das zu untersuchende Gebiet aufgenommen.  

Folgende wissenschaftliche Einschätzung des Gebietes entstammt der offiziellen Internetseite des DFG Projektes (http://www.spp-haefen.de/de/die-projekte/der-handelsplatz-rungholt-nordfriesland/):

GEOARCHÄOLOGISCHE UNTERSUCHUNGEN ZU HÄFEN DES 12. UND 13. JAHRHUNDERTS ENTLANG DER HEVER (NORDFRIESLAND) AUSGEHEND VOM HANDELSPLATZ RUNGHOLT

Als Grenzbereich zwischen glazial geformter Geest, holozänen Mooren und Marschen sowie gezeiten-geprägten Wattflächen stellt die Küstenregion Nordfrieslands einen geomorphologisch hoch dynamischen Naturraum dar. Wie kaum ein anderer Küstenraum ist er seit dem mittleren Holozän und insbesondere in historischer Zeit sowohl stetigen als auch abrupten Umweltveränderungen, beispielsweise durch den steigenden Meeresspiegel und Stürme, ausgesetzt. Durch den einsetzenden Deichbau und die Gewinnung sowie Urbarmachung weiter Landflächen unterlagen die Küstenregionen Nordfrieslands etwa ab dem 11. Jh. auch großräumigen geomorphologischen Umwälzungen. Zusätzlich führte die weiträumige Bedeichung der Küste zu einer beträchtlichen Vergrößerung des Tidenhubs.

Paläogeographische Veränderungen in Küstenregionen wirken sich insbesondere auf Hafenstandorte aus. Bereits im frühen Mittelalter (bis in das 11. Jh.) war der nordfriesische Küstenraum in ein Netz überregionaler Seehandelsbeziehungen zwischen Nord- und Ostseeraum eingebunden. Während sich frühmittelalterliche Siedlungen zumeist auf Geestrandlagen oder Warften konzentrierten, bot die großflächige Gewinnung eingedeichten Kulturlands ab dem 12. und 13. Jh. das Potential einer Etablierung neuer seewärtiger Siedlungs- aber auch Handelsstandorte an einer bis dahin schwer zugänglichen Küste. Zwar war die Schiffbarkeit an den Geestrand reichender Gezeitenrinnen bei Niedrigwasser eingeschränkt, das auflaufende Hochwasser ermöglichte den Schiffen jedoch die Zufahrt von der Nordsee bis weit in die Küstenmarschen hinein.

Während frühmittelalterliche Hafenstandorte bereits Gegenstand intensiver aktueller Forschung zu (See-)Handelsstrukturen im deutschen Nordseeraum sind, liegen für den Zeitraum flächenhafter Kulturlandgewinnung im 12. und 13. Jh. bislang nur wenige gut dokumentierte Befunde zu Hafenanlagen und/oder Seehandelsaktivitäten in Nordfriesland vor (z.B. List auf). Eine offene und bisher in der Wissenschaft wenig aufgegriffene grundsätzliche Frage ist daher jene nach der Existenz, Entwicklung und Bedeutung (über-)regionaler hochmittelalterlicher Handelshäfen im nordfriesischen Raum. Zwar existieren neben kartographischen und vereinzelt auch archäologischen Belegen insbesondere historische Daten zu (über-)regional agierenden nordfriesischen Hafenstandorten des 12. und 13. Jh.

Dezidierte geoarchäologische Kenntnisse zu deren Lage, Bedeutung und Einbindung in die Paläoumwelt fehlen jedoch weitestgehend. Als mögliche Ursache hierfür können die verheerenden Auswirkungen hoch- und spätmittelalterlicher Sturmfluten an der nordfriesischen Küste gesehen werden. Erreichten die Marschgebiete Nordfrieslands zu Beginn des 14. Jh. ihre maximale Ausdehnung, führten die 1. Grote Mandränke im Jahr 1362 und weitere schwere Sturmfluten zu massiven Landverlusten. Das im 12. und 13. Jh. gewonnene Kulturland und darin etablierte Siedlungen wurden in weiten Teilen wieder in tidengeprägte Wattgebiete umgewandelt und gingen verloren. Bei der Detektion und Rekonstruktion potentieller Hafenstandorte nehmen daher Flächen ehemaligen Kulturlands im Bereich heutiger Wattgebiete eine Schlüsselstellung ein. Infolge der heute eingeschränkt zugänglichen Lage im Wattenmeer und der schwierigen Arbeitsbedingungen unter Gezeiteneinfluss fanden Handelssiedlungen des 12. und 13. Jh. sowie zugehörige Hafenanlagen im Gebiet der ehemaligen nordfriesischen Marschflächen bisher kaum Berücksichtigung. Infolge der spätmittelalterlichen Landverluste besteht diesbezüglich also eine deutliche Forschungslücke.

Mit der Eindeichung großer Marschgebiete im südlichen Nordfriesland scheint auch die Gezeitenrinne des Hever-Stroms ab dem Hochmittelalter als schiffbarer Verkehrsweg und Handelsroute zwischen Nord-see, Marschen und Geest gedient zu haben. Der nordwestlich des RUNGHOLT-Projekt-Gebietes gelegene Bereich der Norderhever war bereits in den 1980er Jahren Gegenstand übergeordneter naturräumlich-historischer Untersuchungen. Die zentrale Bedeutung der Hever für die angrenzenden Gebiete kommt bis heute in vielen Ortsnamen, Flur- und Gewässerbezeichnungen zum Ausdruck. Einen engen regionalen Bezug zur Nordsee drückt schon der Begriff Hever (fries.: Meer, Wattenmeer) aus. Ein weiteres Indiz intensiver Seehandelsbeziehungen ist die im Mündungsbereich gelegene und teils aus importierten Tuffsteinen errichtete Alte Kirche Pellworms, deren ursprünglich wohl 52 m hoher Turm etwa seit dem ausgehenden 13. Jh. als markantes Seezeichen die Einfahrt in die Hever kennzeichnete. Weitere kartographische und historische Hinweise untermauern die Idee eines im Gebiet der Hever im 12. und 13. Jh. etablierten (über-)regionalen Seehandels. So verzeichnet die von MEJER (1652) für das 13. Jh. erstellte Karte Nordfrieslands neben kleineren, als Anlegestelle geeigneten Seitenarmen der Hever auch mehrere teils über Schleusensituationen angebundene Binnengewässer, die als mögliche Hafenstandorte in Frage kommen. Ebenso wie in anderen Gebieten Nordfrieslands fehlen jedoch auch hier dezidierte geoarchäologische Befunde zu Hafenstandorten und auch -anlagen.

 

Das Projekt fokussiert daher drei ausgewählte potentielle Hafenstandorte entlang der als Entwicklungsachse betrachteten Hever: den Handelsort Rungholt (Hallig Südfall), die Trendermarsch (Nordstrand) sowie die Mildeburg (Mildstedt). Alle drei Standorte unterliegen zwar denselben paläogeographischen, beispielsweise durch Meeresspiegelfluktuationen bedingten Küstenveränderungen. Aufgrund der individuellen topographischen Lage sind jedoch unterschiedliche Auswirkungen zu erwarten. Die ausgewählten Hafenstandorte sind daher bestens geeignet, Aufschlüsse über die komplexe Mensch-Umwelt-Wechselwirkung an der Schnittstelle von Land und Meer zu liefern.

Das RUNGHOLT-Projekt zielt somit auf die küstengeomorphologische und geoarchäologische Erfassung und Untersuchung von Hafenanlagen des 12. und 13. Jh. n. Chr. im Gebiet der Hever (Nordfriesland) ab, für deren Lage, Nutzung und infrastrukturelle Anbindung bislang ausschließlich historische, kartographische und archäologische Hinweise vorliegen. Die Untersuchungen sollen dabei größtenteils im Bereich früherer Kulturlandschaftsräume, die heute im Wattenmeer liegen, durchgeführt werden. Im Rahmen des Projekts sollen erstmalig detaillierte geophysikalische, sedimentologische, paläogeographische und geoarchäologische Untersuchungen belastbare Belege für ausgewählte Hafenstandorte erbringen und eine Rekonstruktion der Paläoküstenlandschaft unter Berücksichtigung von Meeresspiegelveränderungen und Sturmflutereignissen im Kontext früher nordfriesischer Landgewinnungsmaßnahmen erlauben.


2 Gedanken zu „DAS GESICHT VON RUNGHOLT: AUSSTELLUNG IM NISSENHAUS, HUSUM

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